Über das Tarnen und das Täuschen

Ein alter Mann jagt sich in einer Kirche eine Kugel in den Kopf, weil er die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe nicht packt, und ein Blog berichtet darüber, und Blogleser kommentieren.

Was geht uns das an, könnte man fragen.

Nun, der Mann war ein rechts-außen angesiedelter Schriftsteller, die Kirche Notre Dame, das Blog ist jenes, das gerne vom Nochdritternationalratspräsidenten und Großmutterveranlagungsexperten beworben wird, und die Blogkommentatoren sind ein Fall für sich.

Im Artikel über den inszenierten Selbstmord findet sich übrigens noch ein Verweis auf Sezession im Netz, wo sich auf der Startseite aktuell 8 Artikel zur Person finden. Der Mann dürfte eine beeindruckte Verehrerschaft hinterlassen haben. Ganz oben prangt der schöne Slogan

Right is right and left is wrong

und wir wissen schon, woher die Winde wehen.

Und wenn dann der anschließende Femen-Protest gegen den Antihomoprotest als

Auftritt einer plärrenden, tittenschwingenden Dummnudel

bezeichnet wird, dann sind die Fronten wohl abgesteckt.

Egal, lassen wir uns nicht ablenken; wir versuchen den Punkt zu finden, auf den wir kommen wollten. Achja, die Kommentare warens.

Auf dem Blog Stoppt die Rechten, das sich aus unerfindlichen Gründen auch besagten Artikel auf besagtem Blog vornahm, erreicht uns die Kunde, dass nicht alle Kommentare so astrein seien, wie dies vom Blogbetreiber gefordert würde.

unzensuriert: Meinungsfreiheit im Rahmen der Gesetze

unzensuriert: Meinungsfreiheit im Rahmen der Gesetze

So titelte man dort am 28.5.2013 Unzensuriert: “Parlamentswanzen”, “Redaktionshetzer” und “Dämokratten” und berichtet von einem Leserkommentar vom 23.5.

Eine bessere Wirkung hätte dieser ehrenwerte Mann erzielt, wenn er ein paar Parlamentswanzen oder Redaktionshetzer breivikisiert hätte

der 5 Tage lang ohne die angekündigte Löschung, Sperrung oder Verfolgung überleben durfte. (Aufgrund von Journalistenanfragen wurde nach dem 28.5. dann doch aufgeräumt, die hochgeistigen Beiträge finden sich aktuell aber noch im liebenswerten Google Cache)

Tags darauf findet sich unter dem Titel Unzensuriert.at: Keine Sperre von Neonazis? die Geschichte von anderen Kommentaren, die besagten Kommentar anstößig gefunden hätten, aber selbst gelöscht wurden, statt dass der ursprüngliche Kommentar gelöscht worden wäre:

„Postings mit bedenklichem Inhalt könnten jederzeit gemeldet und in weiterer Folge entfernt werden“.

Das haben LeserInnen von unzensuriert.at allerdings auch gemacht: sie haben in Postings auf die strafrechtliche Relevanz aufmerksam gemacht bzw. die Redaktion von unzensuriert.at der Billigung solcher Beiträge beschuldigt. Die Konsequenz von unzensuriert.at: ihre warnenden Postings wurden gelöscht!

Tags darauf kam es, wie es kommen musste: Sachverhaltsdarstellung zu unzensuriert.at und User „Eule“. Mehrere Screenshots und eine Zusammenfassung machen sich auf den Weg zur StA Wien.

Zusammenfassung: auf einem Blog, das von einem Nationalratspräsidenten gegründet und beworben wird, bleiben tagelang Gutheißungen von Attentaten auf Nationalratsabgeordnete ungelöscht in aller Öffentlichkeit stehen.

Letztendlich sieht sich die Parlamentsdirektion gezwungen, Anzeige gegen die Betreiber des Blogs zu erstatten:

Die parlamentarische Anzeige quasi angeschoben hat, dass im Impressum eines Infobriefs von Graf, der auf die „unzensuriert“-Beiträge verlinkt, als Adresse A-1017 Parlament und die E-Mail-Adresse 3pr@parlament.gv.at angeführt sind. Ebenso enthält die Website Grafs laut Parlamentsdirektion die Aufforderung, Antworten an die Parlamentsemailadresse zu übermitteln.

Wie aus heiterem Himmel meldet sich plötzlich jemand zu Wort, um den es bisher überhaupt nicht gegangen ist:

FPÖ: Vilimsky verurteilt Prammers Kriminalisierungsversuch gegen regierungskritische Journalisten

und tönt, wie es unserer Erwartungshaltung entspricht, wenn sein Name fällt

Frau Prammer wünscht sich – ebenso wie der Grün-Abgeordnete Öllinger -, dass regierungskritische Journalisten in Österreich ins Gefängnis gesteckt werden. Ganz so wie das beispielsweise in Weißrussland der Fall ist.

Mit Weißrussland hat man in der Partei ja schon Erfahrungen gesammelt. Auch der folgende Satz

ein Posting eines Lesers, das von der Redaktion umgehend gelöscht wurde, sobald diese davon Kenntnis erlangte.

wurde, wie oben skizziert, bereits widerlegt. Die Aussendung gipfelt aber in der Ungeheuerlichkeit

Auch das ist typisch. Prammer war nie die Präsidentin des Parlaments, sondern nur jene der 29-Prozent-SPÖ, bestenfalls eine Rot-Grün-Präsidentin.

was uns irgendwie überrascht, denn, so weiß das Parlament zu berichten:

Auf Barbara Prammer entfielen 140 von insgesamt 168 gültigen (bei 182 abgegebenen) Stimmen. Weiters erhielten andere Abgeordnete insgesamt 28 Stimmen. Barbara Prammer ist somit zur Präsidentin des Nationalrates gewählt worden.

Entweder sind also genau am Wahltag 140 Abgeordnete zur SPÖ übergelaufen (oder zu Rot/Grün), nur um am nächsten Tag wieder Abschied zu nehmen, oder aber ein Taser ist nicht so harmlos wie alle immer nur so tun.

Nachdem man sich also (wieder einmal) so weit eingegraben hat, dass man ohne fremde Hilfe nie mehr rauskommt, muss man einen Nebenschauplatz erfinden, und der findet sich an dem einen Umstand:

Inhalt der Anzeige ist auch, dass im Impressum eines Infobriefs von Graf, der auf die Beiträge der Website verlinkt, als Adresse A-1017 Parlament und die E-Mail-Adresse 3pr@parlament.gv.at angeführt sind. Ebenso enthält die Website laut Parlamentsdirektion die Aufforderung, Antworten an die E-Mail-Adresse im Parlament zu übermitteln.

Weil nämlich die Wirklichkeit so aussähe:

Zurückgewiesen wird von Graf die Darstellung, wonach seine Website die Aufforderung enthalte, Antworten an die Mailadresse seines Büros im Parlament zu übermitteln. Das sei falsch. Vielmehr sei als Kontaktadresse kontakt@martin-graf.at angegeben.

Die Reaktionen zur Anzeige durch die Parlamentsdirektion fielen bei Rot und Grün übrigens ganz anders aus.

Na da schauma doch gleich nach!

Also, im Impressum von unzensuriert findet sich folgende Liste der Autoren

Martin Graf - 3pr(at) parlament.gv.at

Martin Graf – 3pr(at) parlament.gv.at

Die Weltsuchmaschine will auf unzensuriert die besagte Emailadresse überhaupt nicht finden!

No results found for site:unzensuriert.at „kontakt@martin-graf.at“.

Aber vielleicht ist ja mit „seine Website“ nicht seine unzensurierte, sondern seine eponyme gemeint. Das Impressum lautet

kontak (a) martin-graf.at

kontak (a) martin-graf.at

(und rechts davon gleich die unzensurierte Verlinkung)

und die Kontaktseite

Dritter Präsident des Nationalrates

Dritter Präsident des Nationalrates

Ja und hat er jetzt unzensurierten Inhalt auf seiner Website mit Kontaktadresse Parlament angegeben? Er hathathat!

3pr@parlament.gv.at

3pr@parlament.gv.at

Eine weltweite Fahndung nach kontakt@martin-graf.at ergibt zur Zeit übrigens bescheidene 700 Treffer, jedoch schon die 2. Seite der Suchergebnisse enttäuscht mit der Nachricht

In order to show you the most relevant results, we have omitted some entries very similar to the 10 already displayed.

Effektiv sind es also 12 bis 20 Seiten, die diese Adresse überhaupt erwähnen.

Die 3pr Adresse ist bei Herrn Graf aber häufiger aufzufinden, als manchen Leuten lieb sein dürfte.

Nachtrag 31.5.:

Das Spinndoktern geht munter weiter, und die Angekrittelten machen aus der „Causa unzensuriert“ und „Causa Graf“ einfach eine „Causa Prammer“, damit gleich klar ist, wer die Böse ist.

Es soll also nicht mehr darum gehen, dass ungehindert tagelang potentielle Attentate an Parlamentariern gutgeheißen wurden, sondern dass Parlamentarier das Anzeigen dieses Tatbestands als ungerechtfertigten Angriff auf die Pressefreiheit sehen.

Das sind übrigens dieselben Leute, die unsere Gesetze beschließen.

Dieser Beitrag wurde unter Aufregung, FPÖ, Graf, Homophobie, Rechts veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Über das Tarnen und das Täuschen

  1. TittenträgerInnen e.v. schreibt:

    Wieso sollen die Femen Mädl’s etwa nicht „plärrende tittenschwingende Dummnudeln“ sein?

    Mir wäre jeglicher Beitrag dieser Damen entgangen, der _nicht_ mit Tittenschwingen und plärren zu tun hätte. Bitte um Aufklärung und evtl. Verweis auf irgend einen Beitrag der Femen Damen zu Kultur oder Politik oder sonstigen gesellschaftsrelevanten Themen, der das Adjektiv „Dummnudeln“ widerlegt.

    Meine Meinung: Femen = Politik für grölende biersaufende Fußballfans.

    • lagushkin schreibt:

      Wenn Sie alle Demonstranten so beurteilen, dann dürften sie Bannerträger eher nach Form und Geschicklichkeit beurteilen, und Schilder- und Plakatträger nach Farbe und Schriftart der Aufschriften. Auch ein Ansatz.

      Falls Sie sich ernsthaft für die Anliegen der Damen interessieren, könnte z.B. die Übersichtsseite des Spiegel weiterhelfen
      http://www.spiegel.de/thema/femen/

  2. Pingback: Über die Demo-Touristen | Dominik Lagushkin

  3. Pingback: Über Scherbenhaufen und Selbstdemontage | Dominik Lagushkin

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