Über anonyme Briefe

Es soll schon einmal vorgekommen sein, dass uns jemand ein oages Gschichtl drucken will. Also nicht nur eine leicht übertriebene Darstellung tatsächlich Geschehenens, sondern so richtig über alle Maßen der Glaub- und Vertrauenswürdigkeit.

Und weil wir alle immer misstrauisch und skeptisch sind, und uns keiner so leicht übers Ohr hauen kann (der Holzauge schläft nie!), würden wir natürlich nachfragen, und Belege einfordern, und mir Natur- oder juristischen Gesetzen argumentieren, oder zumindest mit dem Hausverstand, wenn sonst nix übrigbleibt.

Die gefinkeltere Methode, Unüberprüfbares in die Welt zu setzen, ist das Stilmittel der Erzählung vom anonymen Brief.

Die Erzählung vom anonymen Brief hat viele Vorteile:

  • Man bürgt nicht selbst für den Wahrheitsgehalt des Briefes, man erzählt ja nur, was berichtet wurde
  • Man kann nicht als Lügner dastehen, man hat lediglich zuviel Vertrauen in einen unbekannten Informanten gehabt
  • Der Brief stammt vom („politischen“ oder sonstiges Adjektiv einsetzen) Gegner, und bitte wenn der schreibt (aus Verzweiflung, Entrüstung, bitte ankreuzen), na dann muss ja wohl was dran sein bitteschön
  • Da die Anonymität gewahrt werden muss (Repressalien, Verfolgung, Gutmenschengesinnungsterrorismus, etc.), kann der Brief leider nicht vorgelegt werden

Solcherart eingefädelt versuchte der FPÖ-Wehrsprecher dem versammelten Rest des Nationalrats einen Witz in Form eben solch eines anonymen Briefes darzubringen

Gelacht wurde am Ende des Witzes aber nicht. Der Witzeerzähler gibt zwar vorerst vor, nicht einmal von der Richtigkeit der Behauptung auszugehen („sollte sich das bewahrheiten“), vergisst aber nach dem ersten Halbsatz den Vorbehalt und stellt  im nächsten Atemzug Forderungen, die doch auf eine gewisse Instrumentalisierung des Hirngespinstes hindeuten.

Immerhin hat das Video auf Youtube 20 Likes (nach 3.500 Views, oder wie das auf altdeutsch heißt), während die textuelle Nacherzählung auf seiner Seite nur 13 hat. Übrigens hat er es sich dann mit sich selbst geteilt.

Der Steuerzahler hat für den Witz auch nicht nur anlässlich der Fernsehübertragung bezahlt, sondern auch noch in Form einer OTS Aussendung, die zumindest 1 Leser gefunden hat:

 „Ein anonymes Schreiben ist für mich nur ein Ablenken von der Wahrheit, denn anonyme Schreiben kann man jederzeit vorlegen“, betonte Keck. Erst wenn der Namen des Absenders auf dem Tisch liege, könne man dem Ganzen nachgehen. „Nur Behauptungen in den Raum zu stellen, ist zu wenig“, sagte der Abgeordnete. Denn anonyme Schreiben würden nichts zur Aufklärung beitragen.

Also eh was mir sich auch denken.

Das werte Bundesheer hat übrigens über seine Einsatzkräfte berichtet:

usw usf.

Erst ein Monat zuvor hat ebenderselbe einen Kettenbriefwitz verbreitet

Elmar Podgorschek: Was für ein asoziales Pack!

Elmar Podgorschek: Was für ein asoziales Pack!

das er bei diesem Mann gefunden hat

Ignaz Bearth (offiziell):  Was für ein asoziales Pack!

Ignaz Bearth (offiziell): Was für ein asoziales Pack!

der uns bei einer früheren Märchenerzählung schon einmal untergekommen ist. Klein ist die Welt!

Nachdem sich die Fangemeinde mit ersten Äußerungen à la

deren Schwänze sind wahrscheindlich so kurz wie deren Masken schwarz !? Das passiert wenn man diese Idioten mit Harz IV auch noch finanziel unterstütz.

IDIOTEN HOFEN LICH BASIERT IHNEN DAS SELBE !!!!!!BIS ZUM HALS

Was willst von dem linken dreckspack….. mehr schreib ich aus gründen einer sperrung lieber nicht…..

an jeden von denen wünsch ich, daß mindestens bei seinen eltern die wohnung oder de hittn absauft…KEINEM von denen soll dann geholfen werden…finanziellen ruin wünsch ich denen…
dann schau’ma mal, ob sie noch immer mit solchen sautrottlaktionen für unruhe sorgen…scheiss linkes dreckspack !!!

Man sollte diesen nichtnutzigen Absch**m einfach im die Elbe werfen.

Diese elenden Kröten „Deutschland ist Scheisse“. Da war ja Himmler und Röhm noch besser als dieses asoziale Pack!

in allen ländern die gleiche landesplage, feige vermumt und zerstörerrisch.schickt diese typen zum richtig arbeiten.

in Rage gepostet hat, muss der werte Herr dann irgendwie die Kurve kratzen

Zur Info: Anscheinend wurde dieses Bild oben provokativ und missbräuchlich von der Antifa in Dresden publiziert (aus aktuellem Anlass, Überflutung).

Die Teiler und deren Kommentare sind übrigens auch sehenswert:

Und tatsächlich entstammt das Foto einer Geschichte auf indymedia, die schon aufgrund des Einleitungssatzes wohl nicht ganz ernstgemeint ist

Am 17.08. 2002 bekannten sich Antifagruppen aus Westdeutschland dazu, mit der exzessiven Emission von Treibhausgasen, die damalige „Jahrhundertflut“ provoziert zu haben.

(kicher)

Wir fassen zusammen:

  • 7.6.’13 Bearth
  • 8.6.’13 Podgorschek
  • 9.6.’13 vermeldet „unzensuriert“

Linksextreme wollen „Deutschland unter den Wassermassen leiden lassen“ von der „germanophoben Flut-Brigade“, die sogar zu Spiegel-Ehren kam, und wettert gegen indymedia, wiewohl das auch oben und woanders gelesen wird.

indymedia jedoch kommentiert

Aber niemals hätte ich mir vorstellen können, dass dieser infantile Quatsch von „seriösen Medien“ oder gar den „Sicherheitsbehörden“ ernst genommen wird. Offensichtlich reicht die Flut als Nachricht alleine nicht aus. Offenbar überschwemmt die Sensationsgier, jedwede Barrieren, die professionelle Journalisten haben sollten, um nicht auf solche dümmliche Hoaxes reinzufallen.

Also was hamma:

  • ein 10 Jahre altes „linkes“ Foto
  • eine „rechte“ Märchenerzählung, die „linke“ ins böse Licht stellen will
  • beides von rechtsaußen verbreitet.

Danke, ihr Intelligenzbestien. Andere Reaktionen finden sich da draußen. Und auf stoppdierechten sowieso.

Und wie immer, wenn es um anonyme Briefe geht, müssen wir an den Erfinder dieses Unterhaltungsgenres denken:

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Eine Antwort zu Über anonyme Briefe

  1. Pingback: Über die Netzsperren | Dominik Lagushkin

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