Über die gezielte Provokation

Eine geheime Untergrundorganisation, bei deren Namensnennung selbst die „für gewöhnlich gut informierten Kreise“ höchstens ein „Bitte wer??“ stammeln können, schaffte es heute gleich mehrmals in die werten Medien:

kurier.at: FPÖ-Arbeitnehmer fordern „Deportation“

FANÖ: Pro Deportation

FANÖ: Pro Deportation

derStandard.at: Freiheitliche Provokation mit Josef F.

wie von der Blutgruppe bildlich festgehalten:

FANÖ: SPÖ = Fritzl

FANÖ: SPÖ = Fritzl

Wie Recherchen ergeben haben, handelt es sich dabei um die Freiheitlichen Arbeitnehmer Niederösterreich (Web, Facebook), die ihr ungustiöses Gedankengut im Weltnetz verbreiten soll.

Das anstößige Material findet sich in einer Publikation mit dem Namen FA Zeitung, datiert mit 2013-06. Sicherheitshalber nicht als PDF, sondern als Flash-Blätter-Graphik ganz ohne durchsuchbaren Text. Dass eine Website im Metro-Style zu solchen Assoziationen führen kann, hätten sich Ballmer und Co wohl nie gedacht.

Wir schlagen also die Zeitung auf, und erblicken im Editorial

Reorganisation nach nur kleineren Verluste

Reorganisation nach nur kleineren Verluste

Wir erinnern uns, dass bei der Landtagswahl in Niederösterreich 2013 die Freiheitlichen ein Viertel ihrer Wähler verloren hat, und im Zuge der „kleineren Verluste“ die Wahlverliererin gnadenlos abgesägt wurde (hier mit substituiert umschrieben). Und wer eine Spitze verbreitert, hat keine Spitze mehr, sondern einen Stumpf, aber das nur so nebenbei.

Doch nicht nur das Einleitungssätzchen, nein, auch farbliche Gestaltung und Layout des Werks sowie seine Inhalte zeigen ganz deutlich, dass es sich hier um eine noch unbekannte Satirezeitung handeln muss, von denen wir erst kürzlich berichteten.

Wie sonst wäre zu erklären, dass die Worte Asylanten, Deportation und Ausländer die Publikation einer Organisation schmücken, deren oberster Chef noch nie einen Ausländerwahlkampf gemacht hat, und auch keinen machen wird?

Was bringt den Mann mit Wampe (aber, im Gegensatz zum Chef, ohne hübsche Freundin) dazu, sich vor einen Artikel kopieren zu lassen, der mit den Worten beginnt:

Asylwerber, Asylanten, Scheinasylanten

Asylwerber, Asylanten, Scheinasylanten

und weiter geht’s mit

Ausländer, Ausländer, nichterwebstätige (!) Ausländer

Ausländer, Ausländer, nichterwebstätige (!) Ausländer

und mit

Asylwerber, Ausländer, Türken, Rückführung

Asylwerber, Ausländer, Türken, Rückführung

was uns nahtlos zur Deportation bringt

Abschiebung, Ausländer, Deportation

Abschiebung, Ausländer, Deportation

was wir eher mit einer möglichen Unterwanderung durch identitäre Kabarettistentruppen assoziieren, als mit einem „Slogan der Linken“:

Ihre Linie: „Pro Deportation“. Assoziationen mit der Verschleppung von Juden während des Nazi-Regimes weist Vize-Landesobmann Daniel Jägerbauer zurück: „Wir haben in einem klassischen Slogan der Linken deren ,No‘ einfach durch unser ,Pro‘ ersetzt. Wäre das Wort so belastet, hätten es die Linken ja sicher nicht verwendet.“ Im Übrigen handle es sich um einen englischen Slogan. „Und wir haben im Wörterbuch nachgeschaut: Deportation bedeutet Abschiebung.“ (Quelle: kurier.at)

Ja, die Vorliebe fürs Englische ist uns schon auf Seite 1 aufgefallen, wo besagter Mann vor einem „Working Class Hero“-Leuchtdings hineingeshoppt wurde. Ja, gilt denn Das Handbuch garnichtmehr, das da sagt:

Wir Freiheitlichen lehnen die Beugung unserer Sprache durch den völlig überzogenen Einsatz fremdsprachiger Ausdrücke ab. Öffentliche Institutionen sollen daher ganz besonders darauf achten, sich unserer Muttersprache zu bedienen. Die Neigung, ja Beflissenheit, fremdsprachliche Ausdrücke — vor allem Anglizismen — zu verwenden, ist ein Mangel an Selbstbewusstsein.

Echt jetzt!

Hoffentlich war das genannte, aber nicht identifizierte, Wörterbuch ein besseres als das, das seinerzeit Konzentrationslager mit Straflager übersetzt hat, wie heute noch auf der Parlamentsseite nachzulesen (ab Seite 97) ist:

Abgeordneter Dr. Michael Krüger (F):

Es geht darum, geschätzte F rau Kollegin Stoisits, daß heute unser Klubobmann [Dr. Jörg Haider] bitter beklagt hat, daß vor 50 Jahren in den Straflagern des Nationalsozialismus ethnische Minderheiten fast vernichtet wurden. (Abg. Fuchs: Konzentrationslager! – Weitere Zwischenrufe.)

Ist es nicht furchtbar, welche semantische Masturbation Sie hier betreiben? Was ist denn der Unterschied zwischen Straflager und Konzentrationslager?

Schauen wir wirkli ch in Ruhe nach, was das Wörterbuch dazu sagt. Was sagt das Wörterbuch zu “ Konzentrationslager“? (Abg. Fuchs: Das ist wirklich unerhört, was Sie da von sich geben! – Weitere Zwischenrufe.) Was sagt das Wörterbuch zu „Konzentrationslager“?

Da gibt es ein Fremdwörterlexikon – ich warte, bis sich die Tumulte wieder gelegt haben -: „Das tagliche Fremdwort“. Und was schreibt das Fremdwörterlexikon? Was ist ein „Konzentrationslager‘? – Konzentrationslager ist das Straflager für Zivilisten.

Ich zitiere aus dem „Deutschen Wörterbuch“.

Abgeordneter Dr. Volker Kier

Es war nicht der sprachliche Unterschied – Straf- oder Konzentrationslager -, und es war keine sprachliche Spielerei, sondern es war der deutliche Hinweis, daß die Verwendung des Wortes „Strafiager“ insistiert, es habe sich um eine Spielart von Strafvollzug gehandelt, die Verbrechen des Dritten Reiches seien eine Spielart von Strafvollzug gewesen , es seien Kriminelle gewesen, die in diesen Lagern waren.

Abgeordneter Johannes Voggenhuber

Allein der heutige Vorfall, daß ein Obmann einer Parlamentsfraktion die Konzentrationslager als „Straflager“ bezeichnet und einer seiner Kollegen aus seiner Fraktion hier herauskommt und die enzyklopädische Darstellung des Wortes Konzentrationslager, ungeachtet der Geschichte, in die wir verstrickt sind, ungeachtet der Identität des Konzentrationslager in diesem unserem Raum, in dieser unserer Geschichte, hier vorliest, eine Wörterbuchkonstruktion, die natürlich das Konzentrationslager der Buren in Südafrika ebenso bezeichnet wie die Konzentrationslager irgendwo in Südostasien zum Auffangen von Flüchtlingsströmen, und der allen Ernstes den Versuch u nternimmt, mit dieser Konstruktion all das wegzuwischen, was Konzentrationslager für ihn zu sein hat: der Inbegriff einer industriellen Vernichtungsmaschine, die eben mit der Chiffre „Straflager“ eine dieser stillen Kumpaneien mit denen herstellt, für die es immer schon eine „Strafe“ war und keine Verfolgung, Unterdrücku ng und Vernichtung, allein dieser Vorfall ist so ungeheuerlich, daß er Grund genug für eine solche Kritik wäre.

Ja, all diese Grausigkeiten assoziieren wir damit, wenn die Freiheitlichen behaupten, sie hätten ein Wort im Wörterbuch nachgeschaut, die übrigens Jahre später noch immer nachwirkten, wie hier oder hier oder hier oder hier oder irgendwoanders festgehalten wurde.

Aber, kurz einmal nachgefragt, wer böte sich denn für die genannten Wörterbuch-Deportationen an?

Ausländer Türken Moslems

Ausländer Türken Moslems

Zur Auflockerung gibts gelegentlich ein wenig Abwechslung

Inländer Knast Drogen Verbrecher Fritzl SPÖ

Inländer Knast Drogen Verbrecher Fritzl SPÖ

Wir sind uns bis jetzt nicht vollkommen sicher, ob es sich bei dem vorliegenden Werk um eine offizielle parteinahe Publikation handelt, oder doch um eine gute Parodie. Aber einige Indizien fallen doch ins Auge:

Das Lektorat hat irgendwann aufgegeben, entweder, weil man vor Lachen nicht mehr weiterlesen konnte (oder wollte), oder aus Übelkeit. Anders ist diese Seite nicht zu erklären

ungiuded LGBT missle

ungiuded LGBT missle

Jaaaa, der/die schwul-lesbische Layoutpraktikant/in hat doch tatsächlich einen LGBT-Regenbogen in die Effen-Broschüre geschummelt, und niemandem fällt’s auf! Wir gratulieren zur erfolgreichen Subversion!

Abschließend wird noch ein Mann mit Klebstoff auf die letzte Seite geklebt, der uns erklären will, dass Unternehmer keine Umsatzsteuer zahlen (weil sie ja nie einkaufen gehen), und auch keine Lohnsteuer (weil die bei Unternehmern Einkommenssteuer heißt):

Unternehmer zahlen keine Steuern

Unternehmer zahlen keine Steuern

Wer erinnert sich nicht, angesichts dieser Meisterleistung, an die legendäre Rede des werten Professor van der Bellen im Nationalrat

Immerhin können wir nach der Lektüre den FANÖ in einem Punkt zustimmen

Niemals langweilig

Niemals langweilig

Dieser Beitrag wurde unter Aufregung, Facebook, FPÖ, Rechts, Wahlkampf veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Über die gezielte Provokation

  1. feydbraybrook schreibt:

    Da kann man nur den Kopf schütteln, wenn man sieht, auf welch haarsträubende Weise mit abenteuerlichster Argumentation seitens der rechten Szene Begriffsnivellierung betrieben wird. Das erinnert mich an die plumpen Versuche, den Kommunismus (nein, ich bezeichne mich nicht als Anhänger desselben) mit dem Faschismus gleichzusetzen. Da geht es nur vordergründig um den Einfluß auf Geschichtsschreibung und -verständnis (landläufig bekannt als Geschichtsrevisionismus), sondern auch um einen symbolischen Kampf gegen die Lehren aus dem Faschismus. Die neuen Rechten wollen uns damit eine eindeutige Botschaft vermitteln: „wir zeigen euch Demokraten, was wir von euch und eurer Demokratie halten. Wir nutzen das von euch garantierte Recht auf Meinungsfreiheit und politische Aktivität dafür, diese Demokratie zu zerstören“.
    Diese Leute gehören eingeschränkt, sonst schaffen sie die Demokratie ab, auf deren Kosten sie agitieren,
    http://feydbraybrook.wordpress.com/2010/12/11/burka-kaftan-kopftuch-so-funktioniert-stigmatisierung/

Eigenen Gedanken verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s