Über die Bierbestellungen

Manche Menschen können regelmäßig ihr ganzes Leben lang Bier bestellen, ohne dass irgendjemand davon Notiz nehmen würde.

Andere haben das Pech, und werden zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt im laufenden Bierbestellungsvorgang photographisch für die Ewigkeit festgehalten, und müssen sich ebendiese Ewigkeit lang für ebendiesen photographisch festgehaltenen Getränkeerwerb rechtfertigen.

So gelangte beispielsweise der damalige Chef einer Untergrundbewegung, die als Überbleibsel einer großen und bedeutenden Partei, die sich für eine neue Zukunft aufs neue verbündete, und aber nicht alle Mitglieder gleich mitverbünden wollte, sondern eben ein paar doch nicht so lieb hatte, die dann halt schauen mussten, wo sie blieben; also dieser Chef wurde dadurch der Allgemeinheit bekannt, dass er 3 Bier bestellte:

"3 Bier, bitte" (c)österreich

„3 Bier, bitte“ (c)österreich

Böswillige Geister konnten garnicht anders, als sofort zu unterstellen, dass es sich bei dieser Geste um den so genannten Kühnengruß handle. Wie kommt man nur auf solche Ideen??

Tageszeitung „Österreich“ veröffentlicht morgen erstes Foto von Heinz-Christian Strache mit Neo-Nazi-Gruß (26.1.’07)

Strache spreizt auf diesem Bild drei Finger seiner rechten Hand zum so genannten „Widerstands- und Kühnen-Gruß“, mit dem sich Ende der 80-er Jahre traditionell die österreichische Neo-Nazis und Mitglieder der so genannten „VAPO“ begrüßten.

FPÖ: Missverständnis bei Foto-Interpretation

Verständnisfehler, Missverständnis  bei der Interpretation, In der durch die Eile bedingten Verkürzung entstand so der Eindruck, dass es sich um einen traditionellen Südtirol-Gruß
handle.

Neue KÄRNTNER TAGESZEITUNG – Kommentar: Ausgereizte Grenzgänge (28.1.’07)

Heute begegnet Strache, ein Parteiobmann in der Demokratie Österreich, dem Vorwurf, er habe auf Fotos drei Finger zu einem Neo-Nazi-Gruß erhoben, öffentlich flapsig mit dem Satz: Er habe wohl drei Bier bestellt. Konsequenzen bleiben aus und das ultrarechte Lager kann sich auf die Schenkel klopfen. Was sich da wohl ein Holocaust-Überlebender denkt?

„Tiroler Tageszeitung“ Kommentar: „FPÖ lässt grüssen“ (Von MICHAEL SPRENGER) (29.1.’07)

Bei den schlagenden Burschenschaften, einer Schnittstelle für Nationale und
Rechtsextreme, fühlte er sich wohl. Jetzt will Strache offenbar von alledem nichts mehr wissen.

Strache distanziert sich in Grundsatzerklärung von allen verbrecherischen und totalitären Ideologien

20 Jahre alte Fotos in einen völlig falschen Kontext mit unglaublichen Unterstellungen, Falschinformationen und absichtlichen Fehlinterpretationen gestellt wurden.

Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Aber seien wir ehrlich: Wo und wann hätte sich denn der arme Dentist H.C. neben ständigem Geländespielen im Walde, Biertrinken, Uniformanziehen und (stündlich anders interpretierten) Fingerspreitzungen ein differenziertes und faktenorientiertes Geschichtsbild aneignen sollen?

„Kleine Zeitung“ Kommentar: „Strache hat überall angestreift und war jetzt nirgends dabei?“ (Von Wolfgang Simonitsch)

So viel Eifer ist verräterisch. Eine geschlagene Stunde lang hat sich Heinz-Christian Strache, der davor wochenlang beim Thema nur herumgeeiert und im Kern skandalös geschwiegen hat, gestern zu seiner auf Fotos zweideutig erkennbaren Vergangenheit erklärt. Passagen wie „Ich war nie ein Neonazi“ oder „Ich bin zu erfolgreich, man will mich wegputschen“ hat er so oft wiederholt, dass auch hartgesottene Zuhörer beim streckenweise direkt hysterisch, mit schriller Stimme vorgetragenen Monolog ihre Augen verdreht haben.

„Die Presse“ Leitartikel: Straches Argumentation kennt man von Neonazis von Rainer Nowak (31.1.’07)

Ärgerlich an Strache und seiner nicht bewältigten Vergangenheit ist vor allem seine Verteidigungsstrategie: jene des Vergleichens und Aufrechnens. Die Erklärungen, warum es zu bestimmten Foto-Motiven oder Bekanntschaften überhaupt kommen konnte, liefert Strache nur zögerlich.

Strache sagt auch: „Ich war nie ein Neonazi.“ Kann sein, seine Argumentation ähnelt aber jener von Neonazis und allen Extremisten: Die Relativierung der eigenen Taten mit möglichen Sünden anderer.

Vom FP-Chef werden weitere Fotos auftauchen, weitere halbe Distanzierungen folgen und Gegen-Anschuldigungen.

NEWS: Neo-Nazis setzen FP-Chef Strache unter Druck

„Zusätzlich liefert Strache den alliierten Besatzungsmedien weitere Munition indem er in einem Interview icht ausschließen konnte, dass es neben den ‚Gotcha-Spiel’-Fotos auch Bilder gibt, die ihm mit zum so bezeichneten ‚Hitlergruß’ erhobenen rechten Arm zeigen. Sollte er derart posiert haben, könne es sich nur um eine ‚dumme Provokation’ gehandelt haben, versuchte Strache eine vorsorgliche Entschuldigung.“

Strache schließt Fotos mit Hitlergruß nicht explizit aus

Auf mögliche weitere Skandal-Fotos angesprochen hat FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache Dienstag Abend in der „ZiB2“ nicht explizit ausgeschlossen, dass es Bilder von ihm mit Hitlergruß geben könnte. Er könne sich das nicht vorstellen, wenn, sei das eine „dumme Provokation“ gewesen.

Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass besagtes Bierbestellungsfoto im Zuge der Veröffentlichung der sogenannten „Wehrsport-Fotos“ eines Herrn Heinrich der Allgemeinheit zugänglich gemacht wurde

Erstes Foto von FPÖ-Chef Strache mit Neo-Nazi-Gruß

Es zeigt Strache Ende der 80-er Jahre bei einem Treffen nationaler Burschenschaften in einer Situation, bei der er den damals aktiven Rechtsextremisten Franz Radl begrüßt. Strache spreizt auf diesem Bild drei Finger seiner rechten Hand zum so genannten „Widerstands- und Kühnen-Gruß“, mit dem sich Ende der 80-er Jahre traditionell die österreichische Neo-Nazis und Mitglieder der so genannten „VAPO“ begrüßten.

FP-Hysterie um Strache-Fotos

Zunächst behaupteten die FPÖ-Generalsekretäre, ohne das Foto überhaupt gesehen zu haben, es handle sich dabei „um jenen Gruß, der seit 1961 von den Südtiroler Freiheitskämpfern verwendet wurde“ – zu denen übrigens Nazi-Führer Norbert Burger gehörte.

Später wurde der Ton der FPÖ verzweifelter. Die offenbar permanent am Fernschreiber sitzenden FPÖ-Generalsekretäre nannten das Strache-Foto eine „neue Räuberpistole“.

Doch kein Südtirol-Gruß

Das Foto zeige, so die FPÖ, „weder die erhobene Schwurhand, was wir zum Zeitpunkt unserer Aussendung und des Interviews allerdings noch nicht wissen konnten, noch zeigt es den freiheitlichen Bundesparteiobmann bei irgendeiner verbotenen oder dem Neo-Nazismus auch nur annähernd zuzurechnenden Geste“.

„Kühnen-Gruß“ nicht strafbar

Diese Geste wurde sehr wohl als bewusste Abwandlung des Hitlergrußes verwendet. In Deutschland wurde der Gruß aus diesem Grund verboten. In Österreich ist er hingegen laut Innenministerium nach der derzeitigen Rechtsprechung nicht strafbar, da er nicht als Symbol für den Nationalsozialismus angesehen wird.

Nun fragen wir natürlich scheinheilig, wenn das Waldspielen nur ein jugendliches Waldspiel war, und die Fingerleins nur nach Bier dürsteten, und selbst wenn nicht, sondern zum Gruße gestreckt, nicht strafbar wären, was sollte dann das Bahöö?

Und warum ein Medienverfahren einleiten, das sich elendiglich dahinzieht, und dessen Nachbeben noch immer andauern?

Warum kann man da nicht einfach klarstellen, was wirklich passiert ist, und zieht man es stattdessen vor, ein paar Fotos wochen- und jahrelang durch die Medien zu tragen?

Mehrere Vorstandsmitglieder aus Ihrer eigenen Partei berichten da von Fotos, die eindeutig eine Art kriegsverherrlichende Szenen gesehen haben. Wie kommt das?

Na das ist nicht richtig, denn es wurde diese Thematik im Vorstand besprochen, und es hat, wie Sie auch berichtet haben, einen Brief gegeben von Herrn Mag. Stadler an Mag. Kabas, den Bürgeranwalt, wo diese Bilder dem Bürgeranwalt geschickt worden sind, und in einen falschen Kontext gestellt wurden, und das wurde dort behandelt und aufgeklärt, und dann einstimmig eine Zurückweisung dieser falschen Unterstellungen gegeben,

Ja welche Unterstellungen sind denn falsch? Auf den Fotos sind offensichtlich 3 uns namentlich bekannte, auch einschlägig bekannte, Rechtsextremisten zu sehn. Einer von ihnen ist bis in die letzte Instanz rechtskräftig wegen Wiederbetätigung verurteilt, also welche Darstellung ist hier falsch?

Frau Thurnher, ich verwahre mich wirklich hier solche Unterstellungen von Ihnen, die Sie auch gerade

Das ist keine Unterstellung, wir wissen das

Wenn ich heute Klassenfotos habe, wo vielleicht eine Person oder zwei Personen drauf sind, die dann Jahre später, 6, 7 Jahre später, auf die schiefe Bahn gekommen sind, dann können Sie mich genauso wenig damit in Verbindung bringen, wenn man Jahre später auf die schiefe Bahn kommt, so wie Sie das versuchen, hier zu kreieren. Das ist einfach die falsche Darstellung, die richtigzustellen ist. Damals waren das alles Personen, die unbescholten waren, und es sind viele Personen heute renommierte Persönlichkeiten, als Juriste[] und Ärzte. Ich lade Sie gern einmal ein zum Paintballspielen, damit Sie sehn, wie harmlos das ist.

Danke, nein, das ist nicht meine Art von Sport. Aber Sie wollen damit sagen, Sie schließen aus, dass Sie mit diesen gerade von mir zitierten Personen heute auch noch in Kontakt sind, oder sich in diesen Kreisen bewegen.

Also ich habe mit niemandem zu tun, der irgendwie mit dem Strafrecht in Kontakt getreten ist, beziehungsweise verurteilt worden ist.

Ich fasse zusammen: Es war ein harmloses Jugendspiel, sagen Sie, Sie haben mit niemandem zu tun, der sich in der Neonazi-Szene bewegt, dann frage ich mich, was ist denn los in Ihrer Partei, dass da solche, wie Sie sagen, Unterstellungen verbreitet werden?

Na das ist das eigentlich Enttaischende, das Enttäuschende, und das, was mich traurig stimmt, ist, dass hier offenbar ganz gezielt falsche Gerüchte verbreitet worden sind, Dinge in einen falschen Kontext gestellt worden sind, um offensichtlich meiner Person zu schaden. Und das ist sicherlich das, was auch in den eigenen Gremien Thema sein muss, denn so etwas ist einfach nicht verständlich, wenn man so agiert.

Also jetzt haben Sie ja selbst Ewald Stadler genannt, mit dem sitzen Sie gemeinsam im Parlament. Kann das so weitergehn? Was passiert mit ihm?

Also ich habe selbst nicht Ewald Stadler genannt [siehe 2. Absatz dieses Transkipts]…

Sie haben ihn genannt.

Ich hab ihn nicht genannt, Sie haben in der Recherche heute in der Zeitimbild1, und Ihre Recherche wird ja sicherlich einen Grund haben, ham Sie heute letztlich etwas dargestellt, wo ich nicht ausschließen kann, dass das richtig ist, dass offensichtlich eventuell von dieser Person ausgehend letztlich verbreitet worden ist, und da stelle ich, da stelle ich schon, für mich persönlich, sehr wohl in Zusammenhang, dass man das nicht ausschließen kann, so wie Sie das berichtet ham, und dann sag ich Ihnen auch, dass das etwas ist, was mich schon beschäftigt, was sehr schmerzvoll ist, wenn dem so sein soll.

Warum diese Gschicht immer wieder aufgewärmt wird, obwohl sie uns eh schon zum Hals raushängt?

Weil manche einfach nicht aufhören können, und beispielsweise jüngst auf der Heimseite des Herzenskasperls (Album „ORF-Konfrontation HC Strache – W. Faymann (17. September 2013)“) wieder ein junger Bursch seine jugendliche Dummheit auslebte

Wicktory

Wicktory

Laut Zeitungsberichten handelt es sich um, traraa

der blaue Bundesgeschäftsführer Hans Weixelbaum und grüßte mit einer Handbewegung in die Kamera, die einem Kühnengruß ähnelt

wir dürfen aber erfreut darauf hinweisen, dass die Dummheit garkeine war, sondern

FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl ist naturgemäß anderer Meinung: Der Vorwurf an Weixelbaum sei „an Lächerlichkeit kaum zu überbieten“, sagt er. Es sei deutlich zu sehen, dass dieser lediglich ein Victoryzeichen mache, deswegen sei das Foto auch auf Straches Homepage online. Man müsse schon eine „sehr paranoide Fantasie haben, wenn man hier anderes als das Victoryzeichen sieht“

Aber das sind wir doch gerne, vor allem wenn wir den offiziellen Experten für Victory-Zeichen befragen, und der uns zu einer ganz anderen Fingerhaltung und -anordnung rät.

Es folgten die üblichen Empörungen

das „ständige Kokettieren von FPÖ-Vertretern mit dem rechten Rand oder rechtsextremen Symbolen“ schlicht „unerträglich“

„klar Stellung zu beziehen und Konsequenzen zu ziehen“, denn „in Österreich hat das Gedankengut dieser Ewiggetrigen keinen Platz“

aber sonst ist nicht wirklich viel geschehn. Aber weil der Biertrick nicht mehr zieht, und im ORF-Zentrum auch nicht südtirolerisch grüßt, muss man sich international mehr oder weniger „renommierte Persönlichkeiten“ (oder waren’s „honorige“?) als Entlastungszeugen besorgen:

"Politische Gegner solidarisieren sich"

„Politische Gegner solidarisieren sich“

Irgendwelche Konsequenzen wären ja auch sehr ungerecht, ist doch auch bei früheren ähnlich gelagerten Vorfällen genau garnix passiert:

SJ ortet Kühnengruß auf der Bühne beim FPÖ-Parteitag (27.5.’09)

FPÖ-Bundesparteitag 2009

FPÖ-Bundesparteitag 2009

oder ganz woanders

"Junge ÖVP mit Kühnen-Gruß"

„Junge ÖVP mit Kühnen-Gruß“

Und so verwundert es auch nicht, dass es auch heute noch junge Menschen gibt, die sich nichts dabei denken, wenn sie auf einer Wahlversammlung 3 oder 5 Bier bestellen wollen, aber den Kellner nicht finden:

"5 Bier" Schon wieder Nazis am Grazer Hauptplatz bei der FPÖ!!!!!!!! Nächster Einzelfall?

„5 Bier“
Schon wieder Nazis am Grazer Hauptplatz bei der FPÖ!!!!!!!! Nächster Einzelfall?

worüber auch die Blutgruppe diskutiert, oder die Tageszeitung berichtet.

Nachtrag 2014: es wurde mittlerweile offiziell festgestellt, dass es sich beim obigen Bild um keinen Hitlergruß handelt; im Gegensatz zu ein paar Jahren davor:

Da hat wohl jemand die Durchsage nicht gehört, oder nicht verstanden?

„Hände runter da“

Ganz nebenbei hat sich auch eine subversive Gruppe zur Veranstaltung begeben, die gemeinerweise auf jedem Propagandafoto ihre Spuren hinterlassen hat:  „1938 Gründe gegen Strache“ finden sich auch hier und hier.

Wir raten mal educatedly, und tippen auf Zusammenhänge, aus denen gerissen wurde:

Nachtrag: Auch „Heimat ohne Hass“ berichtete.

Nachtrag 2:

derStandard hielt es für notwendig, die Kommentarfunktion auf dem ursprünglichen Artikel einzuschränken:

Manuell moderiertes Forum In diesem Forum werden sämtliche Postings manuell geprüft. Wir ersuchen daher um Geduld bei der Freischaltung.

Offenbar konnte man sich dort des Ansturms von neu registrierten Bierbestellungsunterstützern von rechtsaußen nicht mehr anders erwehren.

Die Zeitungen texten außerdem „Sozialistische Jugend plant Anzeige wegen „Nazi-Gesten“„, ebenso wie der ORF: „Anzeige nach Nazi-Gesten bei FPÖ-Kundgebung„.

Und sogar in der Süddeutschen wird berichtet, was unser Ansehen im Ausland wieder deutlich verbessern wird.

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Eine Antwort zu Über die Bierbestellungen

  1. Pingback: Von einer Geschichte vom Heinrich aus Effenland | Dominik Lagushkin

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