Über das Neuland

Am 30.10.’14 um 7 in aller Herrgottsfruah sah sich die einschlägig bekannte Frau K. veranlasst, einen Zeitungsausschnitt auf ihre Wand zu klatschen

10353706_906102526066504_5203297242574644906_nAnders als bei einem nicht minder bekannten ehemaligen Finanzminister aus der ehemals selben Partei beginnt der Tag dort mit der Zusammenstellung der jüngsten Horrornachrichten, die mutmaßlich in der Annahme ausgewählt werden, die Zielgruppe möge sich doch recht empören.

Und das it’s complicated-Verhältnis zur MJÖ ist ja spätestens seit dem mittlerweile 3. Jahrhunderthochwasser in diesem Jahrhundert (2002, 2005, 2013) bestens dokumentiert – man kennt sich also.

Die Beitragstäterschaft durch Meinungsmultiplikation übernehmen gerne die diversen blauen Seiten, die die vorgekauten Zeitungshappen wiederum ihrer Leserschaft zur Erregung zur Verfügung stellen – nicht immer mit dem dafür vorgesehenen Mechanismus der Teilung, sondern nach selbständiger Runter- und Wiederraufladung. Aber das vermuten wir nur, und wir geben auch gerne zu, dass es sich um eine Mutmaßung handelt.

Egal, jedenfalls ist die FPÖ Heidenreichstein die erste (7:30), die den Köder schluckt und weiterspuckt

"Abschieben etc." - das Übliche

„Abschieben etc.“ – das Übliche

Selbst der Umstand, dass der Artikel schon ursprünglich mit der Warnung („Österreich“, 30.10.2014) versehen war, und wir regelmäßig ärläbän müssen, dass der Herr Bäpäoh besagte Zeitung als Revolverblatt bezeichnet, bringt die Facebookpräsenz der FPÖ ebendenselben Artikel (9:38).

Auf nichts ist eben mehr Verlass, nicht mal auf die eigene Partei.

OK, das kann man so nicht sagen. Auf die Anhänger kann man sich schon irgendwie verlassen:

"Dreck, kracht, Dreckspack, Freiwild, sterbt mal"

„Dreck, kracht, Dreckspack, Freiwild, sterbt mal“

Auch in der gleichbenannten Gruppe, die sich selbst gerne eine so genannte Meinungsführerschaft attestiert, nur um dann aus einem so genannten Revolverblatt zu zitieren, kommentiert man den vermeintlichen Sachverhalt entsprechend dem selbstauferlegten Sachlichkeitsgebot (21:12):

„Messer an den Hals, roter Saufkopf, Abschieben, Inzuchtbengel, sterben“

Wie unangenehm, dass zu diesem Zeitpunkt die Darstellung des Revolverblattartikels längst widerlegt war

"Der Muslimischen Jugend Österreich aufgrund von Facebook-Postings, die NICHT von ihr stammen, vorzuwerfen, ihr Auftritt würde "immer radikaler" werden, ist eine Fiesheit sondergleichen. So werden unter dem Deckmantel von "Journalismus" Klischees geschürt."

„Der Muslimischen Jugend Österreich aufgrund von Facebook-Postings, die NICHT von ihr stammen, vorzuwerfen, ihr Auftritt würde „immer radikaler“ werden, ist eine Fiesheit sondergleichen. So werden unter dem Deckmantel von „Journalismus“ Klischees geschürt.“

Gut, könnte man meinen, jetzt hat sich die Story endgültig erledigt.

Tja, falsch gemeint, denn eine andere Zeitung, von der uns jetzt keine überlieferte Revolveraffinität bekannt wäre, titelt

Es besteht Verdacht der Nähe zu Islamisten

Gibt es eine Verbindung des Vereins mit antidemokratischen Institutionen?

Und quasi als Beleg für die Richtigkeit der Merkel’schen Aussage über das Neuland (paradoxerweise auch im selbigen Blatt erörtert – aber vielleicht reden die nicht miteinander), wird folgende Information verbreitet:

Auf der Facebook-Seite der MJÖ wird dazu aufgerufen, die Petition gegen das Islamgesetz auf der Webseite des Parlaments zu unterzeichnen. Dafür gibt es zwei Seiten: islamgesetz.info und islamgesetz.at.

Die erste Seite gehört der MJÖ. Die zweite Seite, die ident aussieht, wurde jedoch vom „Islamischen Institut Österreich“ registriert, das seinerseits eine Einrichtung der „Islamischen Föderation“ ist.

Verdächtig ist: Wer auf islamgesetz.at geht, wird sofort auf islamgesetz.info weitergeleitet. MJÖ und Islamische Föderation scheinen also zu kooperieren, was heftig dementiert wird.

Als erfahrene Zeitungs- und Online-Leser wissen wir erfahrungsgemäß, dass ein „scheinen“ und ein „womöglich“ und ein „mutmaßlich“ genau goanix heißen. Es wird eine Idee im Leser implantiert, die er gefälligst nicht mehr ignorieren kann – gleichzeitig distanziert man sich aber von einer Behauptung.

Quasi eine juristische Hintertür: ma redt jo net, ma sogt jo nua, wie wir es vom Herrn Rädl kennen und lieben.

Denn wer würde die Feinheiten des gerade erst entdeckten Neulandes schon so durchschauen wie ein Redakteur, der seinen Artikel mit dem Stichwort Islamismus versehen wissen will.

Mir schaun sich das an.

Die Seite islamgesetz.at sieht zur Zeit so aus:

403_Forbidden_-_2014-11-01_00.21.18Möglicherweise ist die Korrektur der bisherigen Berichterstattung zu verdanken – wir wissen’s nicht.

Zum Vergleich die Seite islamgesetz.info:

Islamgesetz_Nein_zum_Entwurf_des_neuen_Islamgesetzes_–_Für_die_Gleichheit_aller_BürgerInnen_Österreichs_-_2014-11-01_00.23.11

Neulandauskenner erkennen ein (wahrscheinlichst auf wordpress.com gehostetes) WordPress-Blog, dessen einziger Inhalt auf die Parlamentsseite verlinkt:

Elektronische Zustimmungserklärung zur Bürgerinitiative
„Nein zum Entwurf des neuen Islamgesetzes – Für die Gleichheit aller BürgerInnen Österreichs“ (56/BI)

Die Weltnetzsuche nach Inhalten von islamgesetz.at bringt genau 1 Treffer

site_islamgesetz.at_-_Google_Search_-_2014-10-31_21.21.36.crop

Das Suchergebnis wurde freundlicherweise im Google Cache aufbewahrt

Islamgesetz_Nein_zum_Entwurf_des_neuen_Islamgesetzes_–_Für_die_Gleichheit_aller_BürgerInnen_Österreichs_-_2014-10-31_21.21.43.cropMan beachte, dass die Suche (grüner Balken) auf islamgesetz.at lautet, während der Cache die Seite von islamgesetz.info speichert.

Dieser Umstand legt die Vermutung nahe, dass für islamgesetz.at einfach eine Umleitung (Redirect, für die Computerfutzis) auf islamgesetz.info eingerichtet wurde – eine Funktion, die auf jedem handelsüblichen Webserver mit ein paar Klicks (oder 1 Textzeile) am richtigen Ort eingerichtet werden kann.

Jetzt werfen wir noch einen Blick auf die DNS-Informationen der beiden Domains:

islamgesetz.at_-_IP-Adresse_-_utrace_-_IP-Adressen_und_Domainnamen_lokalisieren_-_2014-11-01_00.34.33

islamgesetz.at - whois

islamgesetz.at – whois

und islamgesetz.info:

islamgesetz.info_-_IP-Adresse_-_utrace_-_IP-Adressen_und_Domainnamen_lokalisieren_-_2014-11-01_00.40.32

Die IP-Adresse liegt übrigens der Nähe von wordpress.org.

islamgesetz.info_-_Whois_-_utrace_-_IP-Adressen_und_Domainnamen_lokalisieren_-_2014-11-01_00.44.00

Und während die MJÖ ihre Daten hinter einem Registrierungsproxy verstecken (was jetzt nicht so unüblich ist – gell, Freies Österreich), gibt das IIÖ seine Adresse ganz frech mit

Googlegasse
1150 Wien

an. Da hat das NIC wohl geschlafen? Vielleicht hat man sich bei der Registrierung auch nur verschrieben?

Noch Fragen? Ach ja

Seltsam bleibt jedoch, dass zwei Vereine namensgleiche Seiten betreiben – und nichts miteinander zu tun haben wollen.

Seltsam, denn jedermann könnte eine Domain kurier.info einrichten, und dann behaupten, die hätten was miteinander zu tun – wer kennt INTERKEP? Oder kurier.com?

Wer will, kann sich hier informieren, welche kurier Domains noch zu haben, oder schon vergeben sind. Und hier kann man gleich direkt zuschlagen!

Wir glauben, die Nichtigkeit des „Arguments“ wäre jetzt illustriert.

Aber Fakten können von der gewünschten Realität garnicht so sehr abweichen, dass sie bei der Aufbereitung der Nachrichten auch nur ansatzweise stören könnten, und so verlinken Frau K., die FPÖ, die Gruppe FPÖ einmal und ein zweites Mal

"Kugel, Arschlöcher, Inzüchtler"

„Kugel, Arschlöcher, Inzüchtler“

wobei dieser Bildkommentar eine ganz besonders nächstenliebende Ilustration besagten Sachlichkeitsgebotes verkörpert:

Sachlichkeitsgebotene Nächstenliebe in der sozialen Heimatpartei

Sachlichkeitsgebotene Nächstenliebe in der sozialen Heimatpartei

Und irgendwann haben dann auch die identitären Schnellchecker wieder einmal das Kabel ins Internetz gefunden, und wärmen die Falschmeldung von gestern auf

"Mord, Terror, Angst"

„Mord, Terror, Angst“

und ein Fan der IB-Tirol assistiert

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Und apropos „seltsam, dass zwei Vereine nichts miteinander zu tun haben wollen“: Wie kommt ein Transparent mit einem Identitären-Slogan auf eine Hooligan-Demo? Aber das fragt man sich auch woanderswo schon.

Quelle: fanzeit.de

Quelle: fanzeit.de

Und zu guter Letzt

"Nähe zu Islamisten!"

„Nähe zu Islamisten!“

So.

Man hätte es sich natürlich auch einfach machen können, und einfach bei der MJÖ anfragen, ob der Artikel in Österreich denn so stimme, oder ob es sich hier um eine alternative Wirklichkeit handelt, die einschlägigerweise gerne über das geneigte Publikum ausgebreitet werden will.

Von der Stellungnahme des Herrn Pollak (oben schon erwähnt) abgesehen, war lange nichts zu lesen.

Nach einer Schrecksekunde gibt es nun auch eine offizielle Stellungnahme der MJÖ zu den Fantasieergüssen:

Stellungnahme der MJÖ - Ausschnitt

Stellungnahme der MJÖ – Ausschnitt

und auch auf der MJÖ-FB-Seite wird erläutert. Wenn’s nur jemand läse.

Andererseits: Mit dieser einfachen und klaren Darstellung kann man eben nicht zwei Tage lang Zeitungen und Facebook-Gruppen befüllen. Man muss sich ja auch um die Zielgruppe kümmern!

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Eine Antwort zu Über das Neuland

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