Über die Wahrnehmungs- und Erinnerungslücken

Die Zerbröselung der österreichischen Variante von Pedigaga war schon absehbar, als die deutschen Patriotenvorreiter begannen, sich zu kannibalisieren. Unserem Hellseherehrenkodex verpflichtet haben wir die Weissagung auch brav kundgetan. Mit dem Kassandraschicksal müssen wir noch zurechtkommen.

Denn der Spaziergang der vorgeblichen Islamisierungsbekämpfer, in Fachkreisen gerne bürgerliche Manifestation genannt, entpuppte sich als reinstes Fiasko:

Von Hitlergrüßen und „Sieg Heil“-Rufen berichteten Twitteranten und Presse; Fotos von Hitler- und Kühnengrußpraktikanten wurden rumgereicht; die deutsche Fahne wurde von (österreichischen?) Patrioten geschwenkt; und man berichtete von Besuchern aus den Kronländern, die sich unsere schöne Hauptstadt einmal ansehen wollten.

Rechter Demotourismus: Liste der islamismusbedrohten Länder, möglicherweise unvollständig

Rechter Demotourismus: Liste der islamismusbedrohten Länder, möglicherweise unvollständig

Und wer wollte davon nichts mitbekommen haben? Am Abend wurden die Ereignisse im TV „diskutiert“, und weder Sprecher noch Polit-Spaziergänger wollten etwas Anstößiges gesehen oder gehört haben. Auch auf einem vorgelegten Hitlergrußfoto konnte der Veranstalter beim besten Willen keinen Hitlergruß erkennen. Sehr zum Gaudium des Publikums, übrigens. Alles nachzusehen bei Pro und Contra, oder in einer Duhtub-Raubmordkopie. Mittlerweile hat derstandard ein Verbotsgesetz-FAQ zusammengestellt.

Immerhin schien sich in den darauffolgenden Stunden die Erkenntnis durchzusetzen, dass sich Leugnen des Dokumentierten und Anzweifeln des Bezeugten nicht lange durchhalten lassen. Also schnell noch ein paar Linksextremisten und Provokateuragenten die Schuld zuschieben, und natürlich der Lügenpresse.

Die "totalitäre Fratze" haben immer die anderen

Die „totalitäre Fratze“ haben immer die anderen

"jedweder Extremismus"

„jedweder Extremismus“ – Distanzierung vom eigenen Publikum?

"Provokateure - von links oder rechts"

„Provokateure – von links oder rechts“

Auch jene Partei, die vorgibt, „Pegida im Herzen“ zu tragen, sucht langsam den Notausgang. Während das „Wir sind das Volk“-Volk auf der Straße friert, genießt die Parteispitze ihren Skiurlaub – was man eben so Volksnähe nennt. diepresse hat trotzdem bei allen nachgefragt, und berichtet:

„Der Hitlergruß hat da nichts verloren“, meinte Kickl.

Harald Vilimsky, der zweite Generalsekretär, glaubt nicht, dass sich Pegida Österreich zu einer breiten Bewegung entwickeln werde. Erstens, weil es mit der FPÖ – anders als in Deutschland – bereits eine Partei mit ähnlichen Anliegen gebe. Und zweitens, „weil viele Menschen zwar im Herzen dabei sind, sich das aber nicht antun wollen“

Heute morgen trudelten schließlich die für alle erlösenden Worte ein:

Pegida-Wien-Sprecher hängt Job an den Nagel

titelte wortspielerisch derstandard, und wetzte gleich die feine Klinge

„Auch einige Volldeppen, die sich eingeschlichen hatten, können den Erfolg nicht schmälern“, sagte Nagel offenbar in Anspielung auf Rechtsradikale, die bei der Demo in Wien mit Hitlergruß und „Sieg Heil“-Rufen aufgetreten waren.

"patscherter" Medienumgang, das beste 1848 seit Menschengedenken

„patscherter“ Medienumgang, das beste 1848 seit Menschengedenken

Gut.

Aber eigentlich waren ja die Aussagen des anderen Patriotenverstehers der Anlass dafür, diesmal zur Elektrofeder zu greifen.

1:50 (Zeitstempel des Videos)

Erstens, am Freitag hat die Freiheitliche Partei keine Demonstration gehabt, sondern einen Ball in einem Ballsaal, das ist schon etwas anderes.

Das ist schon einmal eine originelle Ansage, denn erstens waren FPÖ-Demonstrationen an dem Tag geplant, aber verboten worden

und zweitens schritt die Polizei bei eben jener Demonstration im Sperrgebiet, die nicht stattgefunden hat, ein:

POLIZEI_WIEN_on_Twitter_Ballbesucher_missbrauchten_Berechtigung,_nach_Provokation_wurden_die_Transparente_abgenommen._-_2015-01-30_18.48.50.cropGut, hat der Mann also keine Demonstration gesehen, die von seiner Partei am Balltag direkt vor der Hofburg abgehalten wurde.

Gut, hat er also bei Pödigaga 2000 Leute gezählt, von denen er 400 die Hand geschüttelt hat. Und das, obwohl die Polizei von 250 sprach, die Zahl aber zwischenzeitlich offiziell auf 500 angehoben wurde.

Gut, kann er sich auch an keine Demonstration erinnern, die die FPÖ jemals veranstaltet hätte. Woran er sich erinnern kann, das sind die Linksextremisten. Allerorten! Sogar im Fernsehstudio war er von Linksextremisten umzingelt!!

36:40

Also ausgenommen von Wahlzeiten kann ich mich an keine einzige Demonstration erinnern – und ich bin jetzt 30 Jahre bei der Freiheitlichen Partei und 25 Jahre in einem politischen Amt gewesen, ja – kann ich mich an keine Demonstration der Freiheitlichen Partei auf der Straße überhaupt erinnern.

Es gab nur Wahlkundgebungen, die werden allesamt von den Linksextremisten gestört.

38:10

Welche Demonstration hat die Freiheitliche Partei auf der Straße je gemacht?

Das ist sicher eine Fangfrage.

Einerseits die feine Unterscheidung zwischen (Wahl-)Kundgebung (gut) und Demonstration (böse).

Andererseits die Einschränkung „auf der Straße“. Bedeutet „auf der Straße“ nun nicht in geschlossenen Räumen – ein Kontext, den der vorangegangene Wortgefecht ääääähm Dialog mit Herrn Öllinger zuließe? Oder heißt „auf der Straße“ eben „Straße“? Also Fahrbahn. Dort wo die Autos nicht fahren dürfen, wenn grad Demo ist? Und gälte dann auch ein Platz als „Straße“?

Weitererseits die Unspezifität des Ausdrucks „Freiheitliche Partei“: ist damit die Bundespartei gemeint, die Landesparteien mitgemeint? Und die Bezirks- und Ortsparteien?

Und gelten Oktoberfeste als Demonstration? Wenn sie auf der Straße abgehalten werden?

Wir sehen uns vor einer kombinatorischen Explosion des Ausreden und -flüchte. Wirklich fies!

Und so befragen wir gespanntest(!) die Weltnetzsuchmaschine, ob es jemals eine FPÖ-Demonstration oder eine FPÖ-Kundgebung oder einen FPÖ-Protestmarsch unter freiem Himmel gegeben hat.

Tataaaaaa

30.1.’15 WKR-Ball

10.1.’15 Kundgebung zum Erhalt unserer Kultur in Groß-Enzersdorf

13.11.’14 Traiskirchen

Der Strache hats dann aber doch zeitlich nicht geschafft, soweit wir uns erinnern können.

6.11.’14 Simmering

31.10.’14 Drogenzentrum Alsergrund

4.10.’14 Oktoberfest am Viktor-Adler-Markt

11.6.’14 Beamtendemonstration

fpoe.at: Zahlreiche freiheitliche Vertreter der Exekutive, des Bundesheers und der Justizwache demonstrierten heute um 11:55 Uhr – gemäß dem Motto: „Es ist fünf vor 12“ – gegen die Kahlschläge der Bundesregierung. Österreichs Sicherheitsapparate würden regelrecht ausgehungert.

24.1.’14 WKR-Ball

Wir erinnern uns dunkel an reservierte Kundgebungsstände, an denen sich dann aber kein Kundgeber fand, um seine Kundgebung kundzugeben. Kann aber auch ein anderes Jahr gewesen sein.

6.9.’13 Mariahilferstraße

11.12.’12 Kundgebung Entscheidung für Österreich

27.6.’12 ESM-Demo

20.3.’12 Feuerwache Brigittenau

28.10.’11 Protestkundgebung am Stephansplatz

26.05.’11 „Unser Geld für unsere Leut‘!“

Beim morgigen Aktionstag zum Thema „Unser Geld für unsere Leut‘!“ seien wienweite Verteilaktionen und eine Kundgebung am Viktor-Adler-Markt geplant.

27.10.10 Ankündigung von Demonstrationen

18.6.’10 Demo gegen Islamzentrum

15.1.’10 FPÖ-Kundgebung in Eberau

14.5.’09 Anti-Moschee-Demo

Doch mit der Unterstützung durch die FPÖ – Heinz-Christian Strache persönlich tritt als vehementer Unterstützer dieser Initiatve auf – hat das ganze längst, wenn nicht von Anfang an, einen sehr rechten, ausländerfeindlichen Anstrich bekommen

4.4.08 Vertrag von Lissabon

Gerade deshalb dürfe man die Vorkommnisse vergangener Woche in der Brigittenau nicht verharmlosen, an denen an die 100 Neo-Nazis teilgenommen hätten. Das Verhalten der FPÖ und ihres Chefs wären keine Überraschung gewesen, sie verurteile dies zutiefst und bezeichnete es als „verabscheuungswürdig“.

Irgendwann muss genug sein.

Kommen wir zurück zum Statement

Also ausgenommen von Wahlzeiten kann ich mich an keine einzige Demonstration […] der Freiheitlichen Partei auf der Straße überhaupt erinnern.

Klingelts langsam, Herr Graf?

Kommt die Erinnerung wieder? Erinnern Sie sich? Erinnern Sie sich an irgendetwas?

Und müssen Sie die Leute unbedingt so offensichtlich für Deppen halten?

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2 Antworten zu Über die Wahrnehmungs- und Erinnerungslücken

  1. Pingback: Über Rattenfänger und Hunderetter | Dominik Lagushkin

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