Über das Heinzenland

Wer kann, geht aus dem Burgenland weg, sagt Irrsigler, aber die meisten können nicht, sie sind zu lebenslänglichem Burgenland verurteilt, was wenigstens so fürchterlich ist, wie zu lebenslänglicher Kerkerhaft in Stein an der Donau. Die Bürgenländer sind Sträflinge, sagt Irrsigler, ihr Heimatland ist eine Strafanstalt. Sie selbst reden sich ein, sie hätten eine recht schöne Heimat, aber in Wirklichkeit ist das Burgenland fad und häßlich. Im Winter ersticken die Burgenländer im Schnee und im Sommer werden sie von den Gelsen aufgefressen. Und im Frühling und im Herbst waten die Burgenländer nur in ihrem eigenen Schmutz. In ganz Europa gibt es kein ärmeres und kein schmutzigeres Land, so Irrsigler. Die Wiener reden den Burgenländern immer ein, daß das Burgenland ein schönes Land sei, denn die Wiener sind in den burgenländischen Schmutz und in den burgenländischen Stumpfsinn, weil sie diesen burgenländischen Schmutz und diesen burgenländischen Stumpfsinn als romantisch empfinden, weil sie auf ihre wienerische Weise pervers sind, verliebt. Das Burgenland hat ja auch außer dem Herrn Haydn, wie Herr Reger sagt, nichts hervorgebracht, so Irrsigler. Ich komme aus dem Burgenland, heißt ja doch nichts anderes, als ich komme aus der Strafanstalt Österreichs. Oder aus dem Irrenhaus Österreichs, so Irrsigler. Die Burgenländer gehen nach Wien wie in die Kirche, sagte er. Der größte Wunsch des Burgenländers ist, in die Wiener Polizei einzutreten, sagte er vor ein paar Tagen, mir ist es nicht geglück, weil ich zu schwach gewesen war, wegen physischer Schwäche. Aber immerhin Aufseher im Kunsthistorischen Museum und ebenso Staatsbeamter.

So schildert der burgenländische Museumsaufseher Jenö Irrsigler das Schicksal der Burgenländer, mit den Worten des Kunstkenners Reger („Irrsigler ist das Sprachrohr Regers, fast alles, das Irrsigler sagt, hat Reger gesagt, seit über dreißig Jahren redet Irrsigler das, was Reger gesagt hat“), in der Nacherzählung des Atzbacher, niedergeschrieben in „Alte Meister“ von Thomas Bernhard. Ein Zitat dritter Ebene, quasi.

Und die Schilderung ist wahrlich keine Übertreibung, wie man es bei Bernhard gerne vermuten würde. Nein, eher ein Live-Bericht direkt aus den Anfängen der 80er-Jahre.

Doch was ist in der Zwischenzeit passiert? Der Fall des Eisernen Vorhangs und der EU-Beitritt, wie uns u.a. derstandard, neben einigem Anderen, in Erinnerung ruft:

Unter der Hand – in Nichtwahlzeiten zuweilen auch coram publico – sagt eh jeder, dass das entscheidende Datum fürs Burgenland nicht 1995 mit dem EU-Beitritt war, sondern 1989 mit der Öffnung der Grenzen, deren Offenheit nun der Landeshauptmann im Chor mit dem FP-Chef so bitterlich beklagt.

Von heute auf morgen also von der Sackgasse Österreichs (dahinter befand sich ja nichts, als Osteuropa noch nicht zu Europa gehörte, wie wir Westler das damals empfanden) ins Herzen Europas, und dann auch noch Ziel-1-gefördert – der wirtschaftliche Aufschwung war nicht mehr aufzuhalten: Eisenstadt, Neusiedlersee, Parndorf!

Doch was sind die großen Erfolge ohne die kleinen, beziehungsweise, was zählen die vergangenen Erfolge, wenn gerade wieder Wahlkampf ist, und die zufriedene Wählerin keine gute oder treue Wählerin ist – Männer sind mitgemeint – , oder – so scheints – als keine gute und treue erwartet wird. Also muss man schlechtreden, was es nur schlechtzureden gibt. Und wenns nichts gibt, muss zurechtgebogen werden, wie die Uhudler-Episode im obigen Artikel belegt: erst von der österreichischen Gesetzgebung mit Ablaufdatum versehen, dann der EU in die Schuhe geschoben. Aber ein kurzer Jux, den sie sich im Nationalrat machen, und schon dürfen sich die Patridioten stolz auf die Brust klopfen, und alles, was wir uns vor vorgestern selbst eingebrockt haben, werden wir morgen in Brüssel zu retten wissen.

Die Freiheitlichen setzten im Landtagswahlkampf wie bereits bei der Landtagswahl 2005 auf die Themen Heimat und Sicherheit und wollen etwa kriminelle Asylwerber sofort abschieben.

berichtet die Allwissende Müllhalde über die LTW-B 2010, und über den laufenden Landtagswahlkampf (tschullign, Wahlwerbung) wird wohl einst geschrieben werden

Die Freiheitlichen setzten im Landtagswahlkampf wie bereits bei den Landtagswahlen 2005 und 2010 auf die Themen Heimat und Sicherheit und wollen etwa kriminelle Asylwerber sofort abschieben.

Ob der eher nicht so erfolgreichen historischen Wahlsiege stellt sich aber die Frage, ob die allfünfjährliche Wiederholung des ewiggleichen Wahlkampfes zielführend ist:

Aber man kann ja auch anders:

FPÖ-Abgeordnete decken auf: Verdrängung durch Osteuropäer

Parlamentarische Anfragebeantwortung belegt: Immer mehr Ungarn Polen und Slowaken arbeiten im Reinigungsgewerbe.

bejubelt man sich selbst auf der eigenen Heimseite, bzw. lässt man sich von NFZ bejubeln – einer Zeitung, die weder eine ordentliche Website noch einen Wikipedia-Artikel hat. Selbst auf Metapedia Fehlanzeige – total unabhängig also.

Aufgrund der Zusammenstellung der Kandidaten hätte man auch titeln können:

Wahlbeobachter decken auf: Verdrängung durch Osteuropäer

Wahlplakate belegen: Immer mehr Ungarn arbeiten im Politikgewerbe

Denn die geschätzten Kandidaten (und -in) glänzen durch ihre geradezu urösterreichischen Namen, die die Kandidaten selbst wohl eher problematisch sähen, hätten sie selbst tatsächlich welche:

Heimvorteil für ungarische FPÖ-Kandidaten

Heimvorteil für ungarische FPÖ-Kandidaten

Das Textzitat entstammt übrigens einer OTS des mutmaßlichen Hobbyreimers, nachdem bekannt wurde, dass ungarische Plakatierer die Wahlplakate der heimatsozialen Nächstenliebepartei an die Wände klatschten, auf denen für „Arbeitsplätze für unsere Leut‘“ geworben wird.. Was kann die arme Partei denn dafür, dass eine österreichische Firma Ungarn beauftragt, die Plakate gegen die drohende Ungarngefahr kleben? Na eben.

Genausowenig kann die arme Partei etwas dafür, dass ihre Kandidaten nicht Deutsch können. Oder eben ungarische Nachnamen haben. Hätt ma das auch geklärt. Immerhin haben die Zuwandererkandidaten blitzschnell das rechte Lieblingswort Linksfaschisten gelernt

Doch die untergejubelten Plakatierer sind nicht das einzige Problem, das uns plagt. Noch hat das Wettern gegen die 1 Million Massenzuwanderer gewirkt, als behauptet wurde

Da warten über eine Million Menschen; die verzweifelt sind, die arbeitslos sind.

und sie dann tatsächlich nicht gekommen sind. Doch der Erfolg war nur ein kurzer, denn schon droht die nächste Gefahr:

So warnte Tschürtz vor „150 Millionen Afrikanern“, die nach Österreich kämen. Außerdem würden 350.000 Ungarn und Slowaken“ in Burgenland arbeiten wollen.

Bei einem aktuellen Einwohnerstand von 288.000 sind 350.000 Ungarn und Slowaken ganz schön viele! Und 150 zu 8 Millionen, das wäre ja wirklich zum Fürchten! Aber immerhin schon deutlich weniger als seinerzeit die 500 Millionen, uff.

„Wenn wir die Grenzen ganz öffnen, dann kommen 500 Millionen Schwarzafrikaner“, so Strache, der von einer „dummen und unüberlegten Äußerung“ sprach.

Und mitten in diese Wahlwerbung ungarischstämmiger Kandidatendarsteller mit ungarischen Plakatierern gegen ungarische Massenzuwanderer postet der selbst ernannte (aber immer noch nicht gewählte) nächste Bundeskanzler oder Bürgermeister oder was-auch-immer-er-grad-werden-will ein Video der Identitären, dankenswerterweise in der Schmetterlingssammlung verewigt:

Ja, genau die Identitären, die gerade ihren postulierten Großen Austausch verzweifelt zum Thema machen wollen!

Ab der dritten Generation scheinen Migranten in der öffentlichen Statistik nicht mehr auf. Wir werden über die tatsächliche Tragweite der Einwanderung getäuscht.

Wir haben also einen Mann, der gerne auf seinen Migrationshintergrund verweist, wenns gerade passt (manchmal machen das auch andere, egal obs passt), aber trotzdem mit Wiener Blut wirbt, weil er ja perfekt integriert zu sein glaubt (zum Glück sind aber nicht alle Österreicher so perfekt integriert), gerne auch für und um integrierte Menschen mit Migrationshintergrund, und dann, als im burgenländischen Wahlkampf das Ungarn-Thema köchelt (wenn auch anders, als beabsichtigt), ein Video der Identitären teilt, die gegen jede Art der Migration sind, weil ja Migration gleich Austausch ist, und Migranten sich wesentlich effizienter fortpflanzen als die Einheimischen.

Deshalb braucht es nämlich die Reconquista. Und wir fragen uns besorgt, ob Leute, die Markovics heißen, dann wohl hierorts reconquirieren, oder doch eher andernortshin abgeschoben werden würden. Theoretisch halt.

Man stelle sich nur vor, 150 Millionen Afrikaner in Österreich bekämen mehr Kinder, als der durchschnittliche Österreicher! 20 Millionen einheimische Afrikaner würden FPÖ wählen – ein wahres Negerkonglomerat!

Der Große Austausch - presented by FPÖ

Der Große Austausch – presented by FPÖ

Apropos Burgenland, apropos Austausch.

Das Burgenland gehört noch nicht einmal seit 100 Jahren zu Österreich! Davor war es nämlich Teil von Ungarn, bis es als Deutschwestungarn (bzw. kurzfristig Heinzenland) 1921 zu Österreich kam, und so seine 4 Burgen verlor, denen es seinen Namen verdankt. Aber offenbar lang genug, um alles, was nicht echt Österreichisch ist, auszusperren, auszugrenzen, abzuschieben.

Vor seiner geographischen Inkorporation durch die Ungarn war es slawisches Land. Davor awarisch. Davor ostgotisch. Davor hunnisch. Davor römische Provinz. Davor keltisch. Davor illyrisch. Davor alteuropäisch.

Und alle alle alle, die Illyrer und die Kelten und die Römer und die Hunnen und die Germanen und die Awaren und die Slawen und die Ungarn und die Österreicher sind sie eingewandert oder durchmarschiert und haben besetzt und okkupiert und geherrscht und vermischt und ausgetauscht und umgevolkt.

Seit Jahrtausenden schon!

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Eine Antwort zu Über das Heinzenland

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